Beitragsbild: „Vineyards at Rhine Valley in Germany“ von haveseen, Envato Elements.
Der Rheingau ist mit rund 3.200 Hektar eines der kleineren deutschen Anbaugebiete, aber historisch das einflussreichste. Hier wurde 1775 die Spätlese entdeckt, hier entstand mit Schloss Johannisberg das erste reine Rieslinggut der Welt, und hier steht mit Kloster Eberbach eine der ältesten Weinbauanlagen Mitteleuropas.
Mit 78 Prozent Riesling ist der Rheingau das am stärksten auf eine einzige Sorte ausgerichtete Gebiet Deutschlands.
Lage und Landschaft
Der Rhein fließt bei Wiesbaden nicht wie sonst nach Norden, sondern nach Westen. Genau dieser Knick macht den Rheingau aus: Die Rebflächen liegen auf der Nordseite des Flusses und weisen damit nach Süden. Der Taunus im Rücken hält kalte Nordwinde ab.
Der Fluss ist hier besonders breit. Die Wasserfläche reflektiert Licht und speichert Wärme, was den Lagen zusätzlich zugutekommt und im Herbst die Nebelbildung fördert: eine Voraussetzung für die Edelfäule und damit für die großen edelsüßen Weine der Region.
Das Gebiet reicht von Lorchhausen im Westen bis nach Hochheim am Main im Osten. Hochheim gab dem englischen Sammelbegriff Hock für deutschen Weißwein den Namen.
Böden
Im westlichen Teil um Rüdesheim, Assmannshausen und Lorch steht Schiefer und Quarzit an: karge, steile Lagen, die schnell Wärme aufnehmen. Der Rüdesheimer Berg ist das bekannteste Beispiel.
Weiter östlich, zwischen Geisenheim und Eltville, wird das Gelände flacher und die Böden tiefgründiger: Löss, Lehm und Mergel über Taunusgestein. Von dort kommen die füllig-cremigen Rieslinge, während die Schieferlagen im Westen straffere Weine liefern.
Klima
Die Kombination aus Südausrichtung, Taunusschutz und Wasserfläche macht den Rheingau klimatisch begünstigt. Im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 lag die Jahresdurchschnittstemperatur im Raum Johannisberg bei rund 11,0 °C, in der Vegetationsperiode von April bis Oktober bei etwa 15,8 °C. Der Jahresniederschlag betrug rund 664 Millimeter.
Die herbstliche Nebelbildung am Fluss ist für das Gebiet zentral: Sie begünstigt den Botrytispilz, der für Beeren- und Trockenbeerenauslesen gebraucht wird. Trockene Nachmittage verhindern zugleich, dass die Fäulnis umschlägt.
Rebsorten
Der Riesling stellt 78 Prozent der Rebfläche: kein anderes deutsches Gebiet ist so eindeutig auf eine Sorte festgelegt. Der Spätburgunder folgt mit 12,2 Prozent, sonstige weiße Sorten machen 7,6 Prozent aus, sonstige rote 2,2 Prozent.
Eine Sonderstellung hat Assmannshausen. Dort stehen rund 75 Hektar Spätburgunder: die größte zusammenhängende Anbaufläche dieser Sorte in Deutschland. Die Weine von dort haben eine eigene, seit dem 19. Jahrhundert gepflegte Tradition und gelten als Gegenpol zum Riesling des übrigen Rheingaus.
Der ökologische Anbau hat deutlich zugelegt: 2023 waren 830 Hektar und damit fast ein Viertel der hessischen Rebfläche ökozertifiziert.
Gliederung des Gebiets
Der Rheingau kommt mit einer einfachen Ordnung aus:
- Bereich Johannisberg: der einzige Bereich, er umfasst das gesamte Anbaugebiet
- Zehn Großlagen: darunter Burgweg um Rüdesheim, Deutelsberg um Hattenheim und Erbach sowie Steinmächer um Eltville
- 119 Einzellagen: hier liegt die eigentliche Differenzierung, etwa Rüdesheimer Berg Schlossberg, Erbacher Marcobrunn oder Hochheimer Domdechaney
Stilistik
Rheingauer Riesling ist voller und ruhiger als der von Mosel oder Mittelrhein: mehr Körper, etwas mildere Säure, häufig eine kräuterwürzige Note. Von den Schieferlagen im Westen kommen straffere, von den Lösslagen im Osten weichere Weine.
Der Rheingau hat den trockenen Ausbau früh vorangetrieben und war maßgeblich an der Entwicklung des heutigen Klassifikationssystems beteiligt. Gleichzeitig gehören die edelsüßen Auslesen aus guten Jahrgängen zu den langlebigsten Weinen Deutschlands: Flaschen mit mehreren Jahrzehnten Reife sind hier keine Seltenheit.
Der Rheingau auf einen Blick
| Land | Deutschland |
|---|---|
| Bundesland | Hessen |
| Rebfläche | rund 3.200 Hektar |
| Bereiche | 1 (Johannisberg) |
| Großlagen / Einzellagen | 10 Großlagen, 119 Einzellagen |
| Leitsorte | Riesling (78,0 %) |
| Weitere Sorten | Spätburgunder (12,2 %) |
| Böden | Schiefer und Quarzit im Westen, Löss und Lehm im Osten |
| Jahresmitteltemperatur | rund 11,0 °C in Johannisberg (1991–2020) |
| Niederschlag | rund 664 mm im Jahr |
| Ökologischer Anbau | 830 Hektar zertifiziert (2023) |
| Besonderheit | größte zusammenhängende Spätburgunderfläche Deutschlands in Assmannshausen |
Was Sie von dem Rheingau probieren sollten
Fünf Weintypen aus einem Gebiet, das fast vollständig auf Riesling setzt.
- Riesling trocken vom Schiefer, Rüdesheimer Berg
Straff und mineralisch, mit deutlicher Struktur. Der prägnanteste trockene Rheingauer. - Riesling Großes Gewächs, Hattenheim oder Erbach
Von den tiefgründigeren Lagen: füllig, mit cremiger Textur und langem Reifepotenzial. - Riesling Kabinett, klassisch mit Restsüße
Die traditionelle Rheingauer Stilistik: leicht, mit Apfel- und Zitrusfrucht, gut ausbalancierter Süße-Säure-Spannung. - Riesling Auslese aus einem reifen Jahrgang
Edelsüß und langlebig. Diese Weine gewinnen über Jahrzehnte und gehören zu den haltbarsten Weißweinen überhaupt. - Spätburgunder aus Assmannshausen
Der Gegenpol zum Riesling: hell, kirschfruchtig, mit feinem Tannin und einer eigenen, über 150 Jahre alten Tradition.
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